ANLIEGEN

Lieber Mensch,

wir haben es individuell und kollektiv mit einer Gewohnheit der Spaltung zu tun. Dieses Phänomen ist psychologisch, soziologisch, politisch, philosophisch und spirituell zugleich. Die Weisheitstraditionen beschäftigen sich damit seit vielen Jahrhunderten. Die Spaltung durchwirkt den Einzelnen und sie durchwirkt all unsere kulturellen und gesellschaftlichen Systeme. Spaltung bedeutet für mich, dass wir etwas, das sich eigentlich wechselseitig durchwirkt, beeinflusst und bestimmt absolut und darin künstlich voneinander trennen. Wir ziehen eine Linie – das eine kommt auf die eine Seite der Linie, das andere auf die andere Seite. Verbindung und Verwandlung zwischen den beiden Polen, die eigentlich ein Ganzes bilden, werden gestoppt. Die Linie wird absolut gesetzt, also abgeschlossen, so dass sie an keiner Stelle mehr offen bleibt und daraufhin tötet sie. Für mich ist es erschütternd und herzbrechend wie „normal“ es in meinem eigenen Geist und in unserer Gesellschaftskultur ist, das zu tun.

Eine Weiterentwickeln der Gewohnheit der Spaltung ist die Fähigkeit zur Durchmischung auf eine Art und Weise, in der Unterschiede gewahrt bleiben. Nicht jene Durchmischung, bei der alles beliebig zu einem Einheitsbrei verschwimmt. Eine Durchmischung, bei der durch die Unterschiedlichkeit Wechselseitigkeit möglich wird – Einheit in Vielfalt. Als Menschen sind wir eine solche Durchmischtheit, wir entstehen durch sie. Der Prozess des Atmens, schlicht und lebensspendend, zeigt sie uns in jedem Augenblick. Ich atme das ein, was du ausgeatmet hast – ich atme mich aus, auf dass du mich einatmen kannst – in unserer Verschiedenheit entstehen wir aneinander. Wir entwerfen Leben derart, in jedem Augenblick – und lernen gleichsam, evolutionär gesehen, mit jedem Jahrhundert etwas mehr, dieses Wesen von Leben radikal anzuerkennen und tiefer und tiefer umzusetzen, es zu handeln. In unseren Beziehungen, in unserer Arbeit, in der Politik, der Wirtschaft, der Bildung, in religiösen Systemen.

Das Mischen zur Einheit in Vielfalt ist eine Kunst, vielleicht die höchste und zugleich einfachste und sie ist der Mittelpunkt meines Lernprozesses. „There is nothing more truly artistic than to love people“, schrieb van Gogh. Ich mache das zu: „There is nothing more truly artistic than to love life itself“. So vieles gibt es zu sehen, zu realisieren auf diesem Lernweg! In meinen Schriften teile ich mit euch, was mich darin bewegt, in dem ausdrücklichen Wunsch, dass wir einander im Lernen unterstützen mögen.

Morgensonnenwarm,
Sophie