Genug

Die Umrisse meiner Füße zu spüren und in ihrem Inneren das schwere Gewebe, wie es sich auf die Erde verlässt, wie meine Fußsohlenhäute die bunte Blumendecke erspüren, die auf dem Gras liegt, in dem Ameisen turnen. Die Struktur der Decke ist kühl von der angrenzenden Erde und warm vom Sonnenlicht, dass sich in den Stoffschluchten aufstaut und über meine Zehen ergießt. Der Mittag liegt über dem Tal, Stimmen schallen vom See, von vorbeifahrenden Rädern herüber, mischen sich mit dem Wind, auch er von Sonne durchtränkt. Still mit schwerem Körper hier im Gras zu liegen und mein Atmen zu genießen, das Raum nimmt, von Kopf bis Fuß und meinen Rumpf mit Weite flutet, ist genug. Meine Augenlider sind noch geschwollen vom Weinen, sie sind warm und dick und meine Augen schälen das Schauen neu hervor, Schmerzkrusten spülten sich frei im zärtlichen Gespräch über Schuldgefühle, die schon viele Jahre in meinem Nervensystem wohnen und, das glaube ich, im Nervensystem der Welt, in unserem gemeinsamen Nervensystem, dort auch. Und das finde ich sonderbar, dass wir uns schuldig fühlen können, obwohl wir doch unschuldig sind in unserem Sein auf eine Weise wie der Mittag über dem Tal – und dass wir die Unschuld, die wir sind, vergessen können, wenn wir einander nur lange genug Schuld zusprechen. Und dass ich weinen kann, von Herzen weinen über diese sonderbare Schuld des Menschseins in mir und in anderen, die ich nicht länger zusprechen will – das macht es schon fast wieder gut.